Fastentuch in unserer Pfarrkirche

Roland Helmus, Fastentuch Abtei Fulda (2014) Öl auf leinwand, 200x300 cm © Roland HelmusDie Österliche Bußzeit heißt mit älterem Namen Fastenzeit, weil es auch im Gottesdienst um ein „Fasten“ geht, nämlich das Fasten der Ohren und der Augen. Die Orgel spielt dezent und nur zur Begleitung des Gemeindegesangs, die Anzahl der Altarkerzen ist reduziert, der Blumenschmuck fehlt. Die Bildwerke, vor allem die Kreuze, werden verhüllt, die Flügelaltäre zugeklappt.

Die alte Tradition der Fastentücher möchte das Fasten der Augen umsetzen: Die gewohnten Blickpunkte, auf denen unsere Augen gerne verweilen, stehen während der Vierzig Tage nicht zur Verfügung. Dabei geht es aber nicht nur um etwas Äußerliches, sondern der äußerlichen Reduktion entspricht eine innere: Auch unsere inneren Bilder von Gott und von uns selbst stehen in dieser Zeit der Buße und Umkehr auf dem Prüfstand.

Ein Beispiel hierfür ist das diesjährige „Fastentuch“ des Hamburger Künstlers Roland Helmus (*1952 in Darmstadt) an. Es verzichtet auf jegliche Form figürliche Darstellung, verhüllt die gewohnte Ansicht und spiegelt unsere Blicke zurück auf uns selbst. Dabei sprengt es alle gewohnten Formen. Das alttestamentliche Verbot, sich ein Bild von Gott zu machen, wird hierbei ganz neu eingelöst. Das Fastentuch lebt von seiner Farbigkeit und den Strukturgefügen: Dunkles Violett verwandelt sich mittels gelber und roter Einsprengsel zu leuchtendem Weiß. Die Botschaften, die für christliche Kunst charakteristisch sind, spielen für das Fastentuch zunächst keine Rolle. Alle unsere Vorstellungen von Gott werden durch eine solche visuelle Barriere in Frage gestellt, so wie auch die Prüfungen des Lebens unsere Bilder von Gott hinterfragen und auch verändern.

Es ist die Aufgabe christlicher Gemeinde, sich in der Österlichen Bußzeit vierzig Tage lang vor diesem Bild zum Gottesdienst zu versammeln. Die Gemeinde ist eingeladen, sich der abstrakten Farbenkomposition auszusetzen und die entscheidenden Fragen des Lebens neu zu stellen. Eingebunden ist dies alles in die Liturgie: Das Fastentuch hängt solange, bis wir es durch das Licht der Osterkerze in der Osternachtfeier wieder ablösen.

Bild: (c) Roland Helmus, Fastentuch Abtei Fulda (2014), Öl auf Leinwand 200x300 | Text: Prof. Dr. Andreas Odenthal, Bonn

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