Tugenden - am Puls der Zeit: Maß halten

altVorn am Altar, hell beleuchtet, stand eine lebensgroße Figur. Gebaut war sie aus Verpackungen von Dingen, mit denen wir täglich umgehen: Leberwurst, Grüne Erbsen, Teebeutel, Kekse, Partygebäck, Schokolade… In der Hand hielt sie eine Fackel, die freilich noch nicht angezündet war. Was soll die Figur darstellen? Das werden sich manche neugierig gefragt haben - doch auf die Antwort musste man ein wenig warten.

Denn zunächst führte Pfarrer Bünnagel in die Reihe "Tugenden: am Puls der Zeit" ein. Er beschrieb die Tugenden als Grundhaltungen des Menschen, die dazu „taugen“ (!), dem Leben Halt und Richtung zu geben. Das „Maß halten“, die „temperantia“, wie die Philosophen früherer Jahrhunderten sagten, ist die erste dieser Schlüssel-Tugenden, um die es an fünf Abenden in der Fastenzeit gehen soll. Gemeint ist die Fähigkeit, aus verschiedenen Teilen ein geordnetes Ganzes zu formen, seine vielfältigen Kräfte ins richtige Verhältnis zu bringen. Wer Maß zu halten versteht, kann zu einer inneren Ordnung gelangen, kann das finden, was heute oft „Lebensqualität“ genannt wird

 

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Brigitte Heitmann-Cyriax und Kerstin Artz-Müskens; beide gehören dem Ausschuss "Neue Wege gehen" an; gemeinsam mit Pfarrer Bünnagel leiteten sie den Abend über das "Maß halten".

Wie sehr gerade in unserer Gesellschaft die Kunst des „Maß halten“ lebensnot-wendig ist, wird schnell deutlich, wenn man um sich schaut: Ständige Erreichbarkeit ist gefragt – Kinder werden früher eingeschultSchul- und Studienzeit werden verkürztjederzeit muss alles zu haben sein; Erdbeeren soll es auch zu Weihnachten gebenMenschen werden zwischen verschiedensten Anforderungen zerrisseneine zunehmende Zahl von Menschen erkrankt am Burnout-Syndrom – Kinder "müssen" bestimmte Markenkleidung tragen, um nicht sozial ausgegrenzt zu werden – die Gier von Investmentbankern steigt ins Maßlose... Wie hart, ja geradezu gewaltsam die Anforderungen sind, die für viele Menschen daraus folgen, spiegelte sich auch in der Musik des Abends wieder. Nicht die übliche (stets sanfte, meist barocke und niemandem weh tuende) „meditative Musik“ war zu hören, sondern Ansgar Wallenhorst (Orgel) und Alexander Bös (als DJ) spielten Musik von Cage, Technomusik, Beatmusik, später mischte sich dann auch Gregorianik hinein.

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Alexander Bös und Ansgar Wallenhorst auf der Orgelbühne

In dieser Gesellschaft „Maß halten“: wie soll das gelingen? Von zwei Bildern und zwei Texten sei berichtet, die den gut 100 Besucherinnen und Besuchern als Hilfen angeboten wurden.

Das eine Bild war die Figur vorn am Altar, auf deren Sinndeutung viele gewartet hatten: Jetzt entzündete Brigitte Heitmann-Cyriax die Fackel, so dass sie hell loderte, und wies zugleich auf den Krug hin, den manche vielleicht noch gar nicht wahrgenommen hatten: Zu den Füßen des Mannes stand ein Gefäß mit Wasser, damit das Feuer bei Bedarf gelöscht werden konnte. Feuer und Wasserdas Hochlodern der Flamme, aber auch das Löschen der Flamme: beides - so erläuterte Brigitte Heitmann-Cyriax - ist nötig, um „geordnet“ leben zu können; Beides gehört zum Leben: Anstrengung, Mühe, Leidenschaftaber auch die Kunst, sich zurückzunehmen, ruhig und gelassen zu werden.

altÄhnlich erläuterte es Pfarrer Bünnagel mit einem großen Bogen, den er zeigte: Natürlich ist der Bogen dazu da, bei hoher Spannung der Sehne Pfeile abzuschießen – aber der Bogen darf nicht ständig angespannt sein, dann litte seine Kraft, er darf auch nicht überspannt werden, dann zerrisse die Sehne. Die Ausgewogenheit von Spannung und Entspannung, von Ruhe und Leistung, ist nötig, damit der Bogen bestmöglich seine Aufgabe erfüllen kann.

Mit der biblischen Erzählung vom Manna, das Gott seinem Volk in der Wüste zur Speise gab, brachte Kerstin Arzt-Müskens ein weiterer Impuls ein: Jeden Tag regnete es Manna, jeden Tag war genug zu essen da. Aber das, was man einsammelte, war auch nur für diesen einen Tag bestimmt, nicht zur Vorratshaltung: Am nächsten Tag war das, was man zuviel gesammelt hatte, von Würmern befallen und stank (Ex 16,10-36).

Es war ein Abend, der viel Stoff zum Nachdenken gab. Nicht ohne Grund gab es dafür auch Zeit und Papier und Bleistift. Und wer wollte, konnte später ein Gummiband in die Hand nehmen und „an Hand“ diese Bandes über die Spannung seines Lebens nachdenken, mögliche Über- oder Unterforderung in seinem Leben nachfühlen. Andere setzten sich mit einer Kerze in eine Kirchenecke und versuchten, sich zu vergegenwärtigen, wie sie mit ihrem Lebenslicht, ihrem Lebensfeuer umgingen.

Mit einem Gedicht von Rainer Maria Rilke beendete Kerstin Artz-Müskens den Abend:

Vor lauter Lauschen und Staunen sei still,
du mein tieftiefes Leben;
dass du weisst, was der Wind dir will,
eh noch die Birken beben.

Und wenn dir einmal das Schweigen sprach,
lass deine Sinne besiegen.
Jedem Hauche gieb dich, gieb nach,
er wird dich lieben und wiegen.

Und dann meine Seele sei weit, sei weit,
dass dir das Leben gelinge,
breite dich wie ein Feierkleid
über die sinnenden Dinge.

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Josef Pietron


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