Die sieben Fußfälle - ein Blick in die Geschichte Ratingens

Mehr als ein historischer Spaziergang durch die Ratinger Innenstadt

Weitere Fotos, größer und kurz erläutertfinden Sie in einer Bildergalerie. Klicken Sie (später...) hier!

altEinen „Kreuzweg“ werden die meisten Besucher unserer Website kennen: Es gibt kaum eine Kirche, in der nicht Bilder zu finden sind, die in 14 Stationen den Weg Jesu darstellen – von der Verurteilung Jesu bis zur Grablegung, heute auch oftmals um eine 15. Station erweitert, die auf die Auferweckung Jesu hinweist. Auch in den vier Kirchen unserer Pfarrei finden sich Darstellungen des Kreuzwegs. Vor allem in der Karwoche gehen viele gern den Weg Jesu nach, einzeln oder gemeinsam in einer Kreuzwegandacht.

Die Anfänge dieser Form des Kreuzwegs liegen im 17. Jahrhundert. Doch es gab im deutschen Sprachraum bereits seit dem 15. Jahrhunderte eine Vorgängerform des Kreuzwegs. In Anlehnung an den Weg durch die sieben römischen Pilgerkirchen (St. Peter, St. Paul, San Giovanni, San Lorenzo, Maria Maggiore, Santa Croce, San Sebastiano), entwickelte man einen Kreuzweg in sieben Stationenohnehin ist „Sieben“ eine Zahl, die die Fülle, das Ganze ausdrückt. Immer dann, wenn Gottes besondere Hilfe nötig war – etwa bei schwerer Krankheit in der Familie oder bei einem Todesfallgingen die Angehörigen, deren Nachbarn oder oft auch die Kinder diesen Weg von Station zu Station und ließen sich dort mit beiden Knien gleichzeitig zu Boden fallen: daher der Namen der „sieben Fußfälle“. Natürlich erhielten die Beter hinterher Kaffee und Kuchen als Dank für ihr fürbittendes Eintreten für den Kranken oder Toten. Als jedoch in späteren Zeiten immer Beter es als ausreichend zur Erlangung des Dankeschön-Kuchens ansahen, den Weg nur von der vorletzten oder gar letzten Station mitzugehen, geriet gegen Ende des 19. Jahrhunderts diese Frömmigkeitspraxis in Misskredit und wurde dann auch bald aufgegeben.

Geblieben sind in Ratingen jedoch die Kreuze und Kapellen, die den Bittweg markierten und zum Gebet einluden, auch wenn sich bei einigen der Standort ein wenig verändert hat oder sie auch vollständig durch andere Gedenkkreuze ersetzt werden mussten. Im Rahmen einer Veranstaltung des kath. Familienbildungswerks Ratingen führte Hans Müskens am 8. Juni etwa 15 Frauen und Männer zu den „sieben Fußfällen“ durch Ratingen; viele von ihnen sahen Dinge, die ihnen bislang noch nie in den Blick gekommen waren.

altDer Weg beginnt – will man ihn heute gehen – an unserer Pfarrkirche. An der Rückseite des Bürgerhauses steht ein Kreuz aus Stein mit einer kleinen Konsole, etwa für einen Strauß Blumen. Ursprünglich war sein Platz am Düsseldorfer Tor. Als das im 13. Jahrhundert abgerissen wurde, wurde das Kreuz mehrfach versetzt, bis es heute einen würdigen Platz auf unserem Kirchplatz gefunden hat.

Das zweite Kreuz stand früher in der Nähe des Tores zum Oberdorf an der Hochstraße. Jetzt schmückt es den Garten des Marienhospitals und lädt – wie in früheren Jahrhunderten – wieder ein zum Gebet für die Kranken. Seit Jahren ist es Praxis, dass dort die Fronleichnamsprozession beginnt (wenn es nicht, wie 2013, regnet…). Der Kreuzeskorpus, in der Barockzeit gefertigt, wirkt schlicht und eindrucksvoll zugleich.

altAuch die dritte Station liegt in der Nähe eines Krankenhauses, jetzt des Evangelischen Fachkrankenhauses. Diese Station ist eine Neuschöpfung der Ratinger Bildhauerin Lisa Lepper-Behl. Das ursprüngliche Holzkreuz ist verloren gegangen. An seiner Stelle erheben sich jetzt Steine, die aus dem Steinbruch am „Schwarzen Loch“ stammen und einmal in die Fundamente der Spinnerei Cromford eingebaut waren. Die Bildhauerin hat die Oberfläche nur wenig nachbearbeitet; nur in den obersten Stein sägte sie ein Kreuz ein. Unten erinnert eine Jakobsmuschel daran, dass Ratingen an einem der Pilgerwege nach Santiago de Compostela liegt.

Die vierte Station ist sicherlich – gemeinsam mit der sechsten – die bekannteste: die Kreuzkapelle, das „Heiligenhäuschen“ an der Kreuzstraße / Ecke Brückstraße. Noch als der Dreißigjährige Krieg tobte, 1642, also vor mehr als 350 Jahren, wurde die Kapelle errichtet; das Kreuz selber ist noch älter. Früher wurden hier auch an bestimmten Tagen Messen gefeiert; heute wird das Heiligenhäuschen einbezogen in die Palmsonntags- und die Stadtprozession.

altDie fünfte Station – ein Kreuz, das vermutlich am häufigsten übersehen wird: Es steht am Rand der Kreuzung Mülheimer Straße / Kreuzstraße, direkt vor dem Hotel Astoria, genau an dem Ort, an dem es vor mehreren hundert Jahre aufgerichtet wurde. „Das steinerne Kreuz“ heißt es. Im unteren Bereich ist mit einiger Mühe eine Inschrift lesen: „Verehr es Kreutz, o Sünder meyn, / wan du gehest alhie vorbey. / Bedenck, wie der Erlöser deyn / vör dir am Kreutz gestorben sey“ (Zitiert nach Website der Ratinger Jonges).

altGeht man den Hauser Ring weiter in Richtung Kaiseswerth, gelangt man bald zur Hauser Kapelle, auch Barbarakapelle genannt. Es ist die sechste Station. Die Hauser Kapelle war früher Burgkapelle vom Haus zum Haus – auch das Wappen am Giebel zeigt es. Sie ist etwas jünger als das Heiligenhäuschen und wurde 1648, nach dem Ende des Dreißigjährigen Krieges, gebaut. Seit 1983 steht sie unter der Patenschaft der Ratinger Jonges, die auch für die jüngste Sanierung und die Restaurierung des Altars Sorge getragen haben. Der Altar hatte früher seinen Platz in St. Peter und Paul; er war einer der seinerzeit verbreiteten Seitenältere, an denen die Priester „ihre Messe lasen“. Die zentrale Figur ist die heilige Barbara (vielleicht lieber nicht lesen; zu grausam…), erkennbar an dem kleinen Turm links unten (dort war sie eingesperrt), an dem Schwert (damit wurde sie enthauptet) und dem eucharistischen Kelch. Im oberen Feld ist der hl. Josef erkennbar, der das Jesuskind in den Armen hält. – Die Fußbodensteine bedeckten früher die Bechemer Straße. - Mehr noch zur Hauser Kapelle und dem Gedanken des Pilgerns erfahren Sie in einem Beitrag von Hans Müskens.

altDas Kreuz der siebten Station ist wie das der dritten Station vernichtet worden. Es hatte seinen Platz an der Ecke Lintorfer Straße / Hauser Ring; ein durchgehendes Fuhrwerk hat es zerstört.  Als Ersatz wurde auf dem alten Friedhof ein Porticus errichtet und dort das alte Friedhofskreuz auf dem Ehrenfriedhof aufgestellt.

Der Weg endete so, wie jeder katholische Pilgerweg zu enden hat: mit einem kleinen Kreuzchen, gestaltet von Bert Gerresheim als geistlicher Gabe – und einem kleinen Obstlikör als geistigem Trunk. Danke, Hans Müskens! | Josef Pietron

Versäumen Sie nicht, die insgesamt 28 größeren Bilder der Bildergalerie zu betrachten. Klicken Sie hier!

alt

Inhaltliche Hilfe verdanke ich – außer Hans Müskens selber – den folgenden Texten:

Art. „ Kreuzweg“ (Wikipedia): http://de.wikipedia.org/wiki/Kreuzweg

Art. „Sieben Fußfälle“ (Wikipedia): http://de.wikipedia.org/wiki/Sieben_Fu%C3%9Ff%C3%A4lle

Art. „Sieben Fußfälle waren in der Fastenzeit beliebt (NGZ-online vom 12.03.2002): http://www.ngz-online.de/rhein-kreis/nachrichten/sieben-fussfaelle-waren-in-der-fastenzeit-beliebt-1.136571

Website der Ratinger Jonges „Kreuze der sieben Fußfälle“: http://www.jonges.de/188/


Hinweis

Für Veröffentlichungen in den Pfarrnachrichten, auf dieser Internetseite und in der Presse ist der Sachausschuss für Kommunikation zuständig - erreichbar unter:
oeffentlichkeitsarbeit@st-peterundpaul.de

Termine in der Pfarrei